
Egoismus.
26.01.2010Kann man sich das als wohlerzogener Mensch überhaupt noch leisten? Ich glaube schon. Manchmal muss man es sogar richtig genießen, einmal das Arschloch zu spielen, immerhin machen das andere doch auch zuhauf, oder nicht?
An der Kasse möglichst das Kleingeld abzählen und den ganzen Betrieb aufhalten. Natürlich erst recht, wenn man allein unterwegs ist und auch noch alles schön langsam und ordentlich in die Einkaufstasche sortiert. Und mit etwas Glück wird sogar die Kassenrolle leer. Volltreffer!
Alleine das Auto in der Waschbox waschen, wenn dahinter schon 10 weitere Fahrzeuge darauf warten, von ihren Herrln gepflegt zu werden. Dabei begnügt man sich keinesfalls nur mit billiger “besser als nix”-Mentalität, sondern es wird dann in der Box noch Hand angelegt und alles fein säuberlich mit dem Schwamm nachpoliert. Besonders lustig ist dieses Spiel, wenn man selber nur Mittelklasse- oder Kleinwagen fährt und hinter einem die Meute mit den Luxuskarossen steht. Geheimtipp!
An der Wurst-/Fleisch-/Käsetheke möglichst alle Sorten aufzählen und erklären lassen, und dann nach und nach von jedem eine lächerlich kleine Menge herunterschneiden lassen;
Zu zweit (oder für wahre Könner auch allein) den gesamten Gehsteig in Anspruch nehmen und anderen komplett jegliche Möglichkeit nehmen, zu überholen (und wenn schon der ganze Gehsteig blockiert wird, dann will man ihn ja auch genießen, ergo möglichst langsam dahinschleichen)
Oder solche Klassiker wie 2 Parkplätze mit einem Kleinwagen besetzen, beim Buffet einfach mal alles aufladen was der Teller hergibt und drei Viertel wieder zurück in die Küche schicken, morgens um 7 Rasen mähen oder um die gleiche Zeit laut Musik hören in öffentlichen Verkehrsmitteln.
Es kann dabei stets den Anschein haben, als wäre man gerade dazu gezwungen, als hätte man keine andere Wahl, als wäre man Opfer eines Systems. Dann lässt sich dieses asoziale Verhalten am besten genießen, weil man sich das schlechte Gewissen gleich ausreden und bösen Vernichtungsblicken mit einem Schulterzucken ausweichen kann.
Wie oft sieht man sich mit einer Situation konfrontiert, wo man sich fragt, wie andere bloß so rücksichtslos sein können oder wieso man in Schlangengebilden immer direkt vor sich Personen hat, die alles aufhalten und verzögern? Wenn ich selber in Verlegenheit komme, anderen ihre Zeit zu rauben, fällt mir das meistens auf. Innerlich muss ich dann ja schon fast lachen, weil man denkt immer, dass einem selber so etwas nicht passieren kann. Der Unterschied ist aber: Bei anderen hat man nicht das Gefühl, dass ihnen überhaupt bewusst wäre, dass sie anderen auf die Nerven gehen. Seltsamerweise scheinen sich solche Menschen in den falschen Momenten immer ausgerechnet im eigenen Umfeld zu versammeln und man kommt aus dem Ärgern gar nicht mehr raus.
Was soll man denn auch dagegen tun? Wenn vor dir einer steht und sich ewig Zeit lässt, kannst du ihm doch nicht einfach auf die Schulter tippen und ihn höflich auffordern, er soll sich mal beeilen. Der Typ ist mindestens einen Meter neunzig groß und war schon drei mal im Knast – der sticht dich nieder. An der Theke bestellen Frauen der Generation 70+ immer so langsam – die hören dich nicht, schauen schief oder sie ziehen dir ihre Handtasche drüber. Handelt es sich in irgendeiner Situation um jemanden im mittleren Alter, sind es garantiert einfach Proleten, die dich mit irgendeinem bösen Blick und einem tollen Spruch in die Pfanne hauen.
Alle anderen glotzen, und du bist wieder mal zum Gespött geworden, so viel Zivilcourage kann es gar nicht geben.
Es bleibt also nichts anderes übrig, als sich zu ärgern und schön den Mund zu halten. Und hin und wieder mal selber die Rollen zu wechseln.
