Wir essen zu viel, zu fett, zu salzig. Wir bewegen uns zu wenig und werden immer bequemer. Allergien sind mehr die Regel als die Ausnahme. Wirtschaftskrisen betreffen uns alle, Wohlstand und Reichtum gehören aber nur einigen wenigen. Wir zerstören die Umwelt, beuten die letzten Energiequellen aus, die Pensionen werden immer magerer, Fernsehen schlechter, Internet gefährlicher, das Wetter spielt verrückt, und dann auch noch die Grippewellen… HERRJE!
Wie können wir nur auf diesem Planeten überleben, und was hinterlassen wir da eigentlich den Generationen nach uns?
Die Berichterstattung wackelt böse mit dem Zeigefinger und will, dass wir uns alle mal gehörig schämen. Pfui, das kann’s doch nicht sein, mehr Disziplin bitte, Kinder!
Schlimmer als die eigentlich unabstreitbaren Tatsachen (ja, die Umwelt hat gelitten und sie leidet immer noch) sind aber diese absurden Panikmachen, wie vor einigen Jahren mit H5N1 oder gerade wieder neu aufgewärmt mit H1N1. Die Leute wollen sich teilweise ja sogar für blöd verkaufen lassen, nur haben die ersten Anspornversuche zur Impfung wenig gebracht. Resultat: Einfach mehr Berichte von der schlimmen, schlimmen Grippe und seinen Opfern, die jetzt wie Pilze aus dem Erdboden schießen. Na gut, dann lassen sich ein paar vorsichtige Gemüter doch impfen. Dann sind wieder alle zufrieden und beruhigt – man ist gesund, der Impfstoff kommt auch endlich weg.
Mag sein, dass es einige bestätigte Fälle gibt, aber das gleich zu einer Bedrohung solchen Ausmaßes aufzublasen – eigentlich müssten sich doch die Medien schämen. Demnächst raten sie der Bevölkerung, sich möglichst daheim zu verschanzen, zuvor aber noch kräftig Vorräte aufzustocken, kurbelt ja auch gleich die Wirtschaft an.
Eigentlich darf man als moderner Mensch überhaupt nichts mehr tun, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.
Autofahren? Einheizen? Warmes Wasser verwenden? Herkömmliche Glühbirnen verwenden, vielleicht als Leuchtmittel sogar für besser geeignet befinden? Nicht-Bio kaufen? Ökologisch nicht vertretbar.
Übrig gebliebene Lebensmittel wegwerfen? Nicht-Fair-Trade-Produkte kaufen? Ethisch ein echtes Problem.
Essen, was schmeckt? Mal egoistisch sein? Urlaub machen und faul sein? Andere nicht bemitleiden? Gerne übergewichtig sein? Besser nicht einmal daran denken! Was nicht der Norm entspricht, wird mit großen Augen angestarrt und geächtet, manchmal auch beneidet. Wie gut, dass für solche Fälle total hirnrissige Aufschläge verrechnet werden können, dann zB. unter Öko-Steuer oder was weiß ich laufen – das beruhigt das Gewissen doch gleich ungemein!
Alles, was sich der Mensch jemals aufgebaut hat, ist plötzlich falsch. Für jede Behauptung finden sich auch gleich eine Handvoll Experten, die gleich überirdische Theorien aufstellen, die ein halbwegs gut erzogener Tafelklassler mit reinem Hausverstand aufstellen könnte. Aber was sich gut nachvollziehen lasst, muss ja richtig sein. Guter Experte, braver Experte. Erklär uns ruhig, warum in der menschlichen Evolution eigentlich schon während der Steinzeit das Feuermachen eine Schädigung für die Umwelt war und deshalb schon verboten gehört hätte. Jetzt ist es zu spät und kollektives Kopfschütteln ist angesagt. Die böse Menschheit aber auch.
Wie viel schlechte Nachrichten muss ein Mensch pro Tag eigentlich aufnehmen, bevor er sein Pensum erreicht und sich dafür selber auf die Schultern klopfen darf? Oh, im Osten sind wieder Autobomben hochgegangen, Gebäude in Brand gesteckt worden, Leute gestorben. Welche Überraschung, aber morgen wird sicher alles besser. Ein bisschen Mitleid für die Welt, dann ist allen geholfen und ich darf Feierabend machen.
Braucht mir keiner erzählen, dass es nicht mindestens genauso viele gute Neuigkeiten gäbe, nur verkaufen sich die nicht halb so gut und sie lassen sich auch nicht reißerisch-dramatisch inszenieren.
An den Negativschlagzeilen erkennen wir ja, wie gut es uns im eigenen Land geht. Ach ja? Als ob die Berichterstattung für mehr Zufriedenheit sorgen wollte.
Also mich wundert meine eigene Abgestumpftheit in diesem Angelegenheiten schon nicht mehr, wenn ich das alles so betrachte. Ist der Mensch nicht generell so, dass er alles relativiert? Bei der Reizüberflutung müssen sich die Medien schon richtig Mühe geben, um da noch eins draufzusetzen. Abgesehen von der Analyse jetzt eben lässt mich die ganze Hysterie deshalb recht kalt, wenn sie mich nicht unmittelbar betrifft.
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